Grippeschutz-Impfung -- sinnvoll oder Geldschneiderei?

Veröffentlicht am 14.12.2017 in Gesundheit

Die TLZ hat zu einem Streitgespräch mit einem Arzt-Kollegen geladen. Es ging darum, ob eine Grippeschutz-Impfung sinnvoll ist, oder -- was manche behaupten -- sinnlos und Geldverschwendung. Meine These: Alle profitieren von der Impfung, sogar die, die sich verweigern. (Aus der Thüringischen Landeszeitung vom 18. November)

Zwei Ärzte, zwei Meinungen: Grippe-Impfung  ja oder nein?

 

Niesen, Husten, Sprechen, Atmen: Die Grippe findet schnell ihren Weg von einem zum anderen. Dabei gilt insbesondere die Winterzeit als gefährlich. Während Stefan Melzer  den Sinn der Kampagne abstreitet, sieht Thomas Hartung klare Indikationen.            


Weimar. Stefan Melzer ist niedergelassener Hausarzt in Mellingen und ist gegen die Grippeschutz-Impfung: „Immer mal wieder wird unkritisch die offizielle Empfehlung des Robert-Koch-Institutes und anderer Behörden/Institute zur Pneumokokken- und Grippeimpfung veröffentlicht. Was meist weder Ärzte selber noch Bevölkerung wissen, ist der fast völlig fehlende Nutzennachweis für diese Impfungen. Seit Jahren wird darüber international eine interessante Ausein­andersetzung unter den Wissenschaftlern geführt. Statt den aktuellen Stand der Diskussion wiederzugeben, und damit den Menschen die Entscheidung pro/kontra zu überlassen, wird bei uns in Thüringen mittels einer Impfkampagne - thüringen-impft und impfen60+ - der falsche Eindruck erweckt, die Impfungen hätten einen nachgewiesenen Nutzen“, hat Melzer an die Redaktion geschrieben - und sich zu einem Streitgespräch angeboten.

 

Thomas Hartung (SPD), seit wenigen Wochen wieder im Landtag, Mediziner von Beruf, zeitweilig sogar als Leiter einer Impfstelle und zuletzt bei einer Krankenkasse beschäftigt, ist dazu bereit. Zunächst will er von seinem Gesprächspartner wissen, ob jener generell alle Impfungen für nutzlos erachtet, oder ob es speziell um Pneumokokken- und Grippeimpfung gehe. Melzer erklärt, er sei kein genereller Gegner, er klärt aber auch, dass der Patient aufgeklärt werden müsse - und er hält nicht nur viele Patienten, sondern auch eine Reihe von Ärzten für fehlinformiert. Andererseits sagt er auch, dass sich „die Mehrheit der Ärzte natürlich nicht impfen“ lasse gegen Grippe. Zudem betont Melzer: „Ärzte verdienen an den Impfungen außerhalb des Budgets teils mehrere tausend Euro pro Saison.“

 

Ständige Impfkommission empfieht Impfungen explizit für Risikogruppen

 

Während Melzer das, was in der sonst üblichen Aufklärung zur Grippeimpfung allenfalls für „die halbe Wahrheit“ hält und betont, die Impfung helfe nicht - das sei jedenfalls der jetzige Stand seines Wissens -, vertritt Hartung eine andere Meinung. Konform geht er mit Melzer, dass aufgeklärte Patienten ihre Entscheidung treffen sollen. „Aber es gibt mitnichten eine Kampagne, die jeden auffordert, sich gegen Grippe impfen zu lassen. Die Ständige Impfkommission empfiehlt Impfungen explizit für Risikogruppen“, stellt Hartung fest. Bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung heißt es mit Blick auf die Virusgrippe (Influenza): „Insbesondere chronisch Kranke, Menschen ab 60 Jahre sowie Schwangere sollten sich impfen lassen, da bei diesen Bevölkerungsgruppen ein erhöhtes Risiko besteht, dass die Erkrankung schwerwiegende Folgen hat. Für medizinisches Personal gilt die Impfempfehlung gleichermaßen, da durch die Vielzahl enger Patientenkontakte grundsätzlich eine erhöhte Ansteckungsgefahr besteht. Zudem besteht das Risiko, dass sie die Grippeviren an ihre Patienten weiter übertragen - eventuell sogar ohne dass es bemerkt wird.“ Als Impfzeitraum werden Oktober und November genannt.

 

Melzer hält die Argumente Hartungs für „unwissenschaftlich“. Hartung aber betont: „Nur weil ich Ihre Befunderhebung so nicht teile, lasse ich den Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit nicht gelten. Und nur weil ich Ihre Auffassung nicht teile, heißt das nicht, dass ich mich nicht informiere“, so Hartung. Am Tag nach dem Gespräch reicht Melzer noch diesen Gedanken nach zu der Frage, ob die genannten Impfungen nutzlos oder schädlich seien. „Ob sie medizinisch schaden, können wir nicht ausschließen. Dass sie nicht so nützlich sind, wissen wir. Was Schaden erleidet, ist unser gegenseitiges Vertrauen, wenn wir den Menschen aus finanziellem oder politischem Interesse unser Wissen vorenthalten oder manipuliert darstellen. Die Impfungen bezahlt das Gemeinwesen. Den Gewinn haben ausschließlich Ärzte, Apotheker und Pharmaindustrie.“

 

Dass er das anders einschätzt, hatte Thomas Hartung bereits im Beisein von Stefan Melzer bereits erklärt, dass er die Impfung bei Risikogruppen für wichtig erachtet - und dass mancher, der sich nicht impfen lässt, davon profitiert, dass in seiner Umgebung viele Menschen geimpft sind. „Dann hat man durch die sogenannte Herdenimmunität einen Schutz“, sagt er. Und verweist auf deren Geschichte: Als die Pockenschutzimpfung verpflichtet eingeführt wurde, gab es Ärzte, die nicht an deren Wirksamkeit glaubten und bei ihren Patienten nur eine Pseudoimpfung vornahmen. Als die Patienten daraufhin nicht erkrankten, sei das aber kein Beleg für die Unwirksamkeit der Pockenschutzimpfung sondern eben für den Herdenschutz gewesen, erläutert Hartung. Daher gebe es auch bei der Grippeschutzimpfung nicht den Schluss, wer sich nicht impfen lasse sei generell hoch gefährdet, zumal wenn sich viele in seiner Umgebung impfen lassen. „Aber es gibt den Zusammenhang: Ich erkranke, weil ich nicht geimpft bin. Und ich erkranke nicht, weil ich geimpft bin.“ Wobei auch gesagt werden müsse, dass nicht immer der Grippeimpfstoff zum Einsatz kommt, der im jeweiligen Jahr hilft. „Und es ist auch richtig, dass nicht jede Saisongrippe die selbe Schwere hat“, so Hartung. Dennoch empfehle sich für die angesprochenen Risikogruppe die jährliche Impfung. Das habe auch damit zu tun, dass ansonsten diese Gruppen schwer zu mobilisieren wären. Aber klar sei auch: Wenn der Impfstoff nicht gut auf das grassierende Virus passt, dann können auch geimpfte Personen erkranken. „Das ist eines der Probleme, denen man sich stellen muss“, sagt Hartung. Und er weiß auch, dass in solchen Fällen bei den Patienten „ein fahler Beigeschmack“ bleibt.

 

Und Melzer? Bleibt dabei, „dass die Impfung nichts hilft.“ Und zwar generell. Den Nutzenbeleg bleibe die Ständige Impfkommission schuldig... Hartung widerspricht. Und letztlich wird jeder Einzelne selbst die Entscheidung treffen müssen. Wer als Geimpfter über Jahre nicht erkrankt, während Ungeimpfte reihum das Bett hüten, wird eine andere Sicht auf die Lage haben als jene, denen es plausibler erscheint, dass da mit ihrer Grippe-Angst ein Geschäft gemacht werden soll...

 

Gerlinde Sommer / 18.11.2017

 

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