Der Doc-Blog

Eigentlich gibt es mich gar nicht ...

Deutsche Rentenversicherung

 

Im Rahmen meiner Scheidung musste ich natürlich meine Rentenanwartschaften offenlegen. Das erschien mir einfach, zahle ich doch seit 20 Jahren in mein Versorgungswerk ein. Trotzdem erhielt ich im August einen Brief der Deutschen Rentenversicherung, auf Anfrage des Familiengerichtes müsse eine Kontenklärung durchgeführt werden. Erster Anruf beim Familiengericht: Ja, das sei ein Standardverfahren, aber nein, bei mir sei alles geklärt. Zweiter Anruf bei der Rentenversicherung. Ja, ein Routinevorgang, ich solle einfach die Fragen beantworten und das wird dann mit den vorliegenden Unterlagen abgeglichen und wenn wirklich etwas fehle, bekäme ich Post.

Ich las das Schreiben etwas genauer und da stand, man habe von mir keinerlei Informationen von vor Anfang 2015, als ich nach dem Ausscheiden aus dem Landtag bei der AOK angefangen habe. Stirnrunzeln. Ich hatte doch im Mai 1998 einen umfangreichen Antrag zur Befreiung von der Rentenversicherungspflicht stellen müssen, um überhaupt ins Ärzteversorgungswerk zu kommen. Aber ok, ich füllte die Tabelle aus.

 

Einige Wochen später kam dann der Brief, aus dem hervorging, dass man meine Zeit im Ärzteversorgungswerk anerkenne und ich den gesamten Rest zwischen 1988 und 1998 nachweisen solle. Rufe also noch einmal an. Erkläre meine Baustellen-Situation – wer die Kamingeschichte gelesen hat, weiß, was ich meine – und kündigte an, alles nachzureichen, sobald ich an meine in Kartons verpackten Unterlagen käme. Schnippische Antwort: ich dürfe die Antwort an das Familiengericht nicht so auf die leichte Schulter nehmen und hätte jetzt zwei Wochen Zeit. Meine trockene Antwort: „Die Mitteilung an das Familiengericht ist einfach und liegt Ihnen vor, während der Ehe wurden bei der Deutschen Rentenversicherung keine Ansprüche erworben.“ Ich hätte zwei Wochen Zeit, war die knappe Antwort und damit beendete die Mitarbeiterin das Gespräch!

 

Ich war jetzt erst mal sauer. Das wurde nicht besser, als ich drei (!) Tage später die Mitteilungen an das Amtsgericht nachrichtlich erhielt, das Klärungsverfahren sei mangels Mitwirkungsbereitschaft meinerseits eingestellt worden. Nun schrieb ich erstmals einen Brief an die Rentenversicherung. Ich machte darauf aufmerksam, dass ich mit dem Befreiungsantrag mindestens eine Studienbescheinigung eingereicht habe und dass der Antrag mit den Anlagen ja vorliegen müsse, schließlich stünde dort, dass ich am 05.05.1998 mein Studium beendet habe – der Geburtstag meiner Tante und wir haben gemeinsam gefeiert – und ich zum 18.05.1998, meinem ersten Arbeitstag, befreit worden sei. Ich baute, weil ich mittlerweile überzeugt war, dass man meine Unterlagen versiebt hatte, einen kleinen Fehler ein und schrieb, die Befreiung sei zum 17.05.1998, einem Sonntag, erfolgt. Gleichzeitig konfrontierte ich die Mitarbeiter der Rentenversicherung mit meiner Vermutung und forderte zu meiner Sicherheit einen Auszug aus meiner Rentenakte mit allen Daten, die von mir gespeichert seien sowie mit den Kopien meines Antrags auf Befreiung und der Anlagen an. Sollten diese nicht verfügbar sein, wollte ich Informationen über den Verbleib bzw. darüber haben, wie auszuschließen sei, dass meine personenbezogenen Daten an unbefugte Dritte gelangt sein könnten.

 

Als Antwort erhielt ich einen Auszug aus der Datenschutzrichtlinie, aus der dann hervorging, dass die Unterlagen eigentlich noch digitalisiert vorliegen müssten. Der Brief endete mit der klugsch… Bemerkung, wenn ich schon am 17.05.1998 befreit worden sei, müsse mein Studienende deutlich vor dem 05.05.1998 liegen, sonst würden die Abläufe nicht passen. War das alles bisher eher Ausdruck meiner Verärgerung, wollte ich nun tatsächlich wissen, was dort vor sich ging. Ich machte also den Mitarbeiter darauf aufmerksam, dass ich von einer Befreiung zum 17.05.1998 geschrieben habe, da ich diese erst nachträglich, nach Ausstellung aller Unterlagen, beantragt hatte. Und ich machte ihn darauf aufmerksam, dass sein Text belege, dass meine Akte verschwunden sei, da er sonst hätte schreiben können: „Sie haben beantragt am…, was bei uns eingegangen ist am… und wir beschieden haben am…“ Ich forderte also erneut einen Auszug aus meiner Akte.

 

Sicherheitshalber legte ich Kopien meines Abizeugnisses, meiner Zeit als Hilfspfleger, der Bestätigung meines Wehrdienstantrittes am 01.11.1989 und der Tatsache, dass ich zwischen 03.10.1990 und 31.10.1990 Zivildienstleistender der BRD war – mehr hatte mir die NVA nicht ausgehändigt – und schließlich meines Arbeitsvertrages beim Nationaltheater mit Eingruppierung und Verdienstangabe bei. Allerdings verweigerte ich die Studienbescheinigung, die hatte ich 1998 schon eingereicht. Etwa drei Wochen später erhielt ich meinen „Rentenbescheid“. Der setzt sich ausschließlich aus den Daten zusammen, die ich gerade eingereicht hatte. Es gab nichts Weiterführendes!

 

Der Bescheid war der Hammer. Meine Zeit als Hilfspfleger, in der ich natürlich SV-Beiträge gezahlt hatte, wurde als Praktikum gewertet und damit nicht anerkannt. Der Wehrdienst wurde mir als einzelner Tag am 01.11.1989 (!) und als 28 Tage im Oktober 1990 angerechnet. Der Rest galt als nicht nachgewiesen. Und das Beste: Meine Arbeitszeit im DNT Weimar – immerhin öffentlicher Dienst – wurde abgelehnt, weil ich nicht nachgewiesen habe, dass tatsächlich Beiträge gezahlt worden seien.

 

Ich legte also Widerspruch ein. Gleichzeitig mahnte ich mit Fristsetzung an, mir einen Aktenauszug zuzusenden und wies darauf hin, dass mir der Verlust meiner Rentenakte mit meiner folgenden Unfähigkeit, bestimmte Sachverhalte nachzuweisen, nunmehr materiellen Schaden bereiten würde, gegen den ich mich natürlich juristisch wehren würde. Gleichzeitig kündigte ich an, den zuständigen Datenschutzbeauftragten anzurufen, da ich selbstverständlich nicht davon ausgehen könnte, dass ich ein Einzelfall sei. Zuletzt wies ich noch darauf hin, dass ich mit der fortgesetzten Weigerung, mir einen Auszug meiner Akte zur Verfügung zu stellen, meine Rechte verletzt sähe. Diesmal wies ich erstmals auch darauf hin, dass ich mich nunmehr als Landtagsabgeordneter in der Pflicht sähe, überprüfen zu lassen, ob noch andere Bürger Opfer unangemessener Aktenaufbewahrung geworden seien.

 

Am Samstag erhielt ich nun Antwort. In einem ausgesucht freundlichen und höflichen, fast servilen Brief bat man mich um Geduld. Man würde selbstständig bei den beteiligten Einrichtungen nachforschen, ob noch Nachweise aufzufinden seien. Darüber hinaus würde sich der Datenschutzverantwortliche in einem gesonderten Schreiben an mich wenden.

 

Ich empfinde den gesamten Vorgang als unglaublich! Jeder andere, der sich seiner Rechte nicht so bewusst ist, würde jetzt loslaufen und krampfhaft seine Nachweise zusammensuchen, ängstlich, Rentennachteile in Kauf nehmen zu müssen. Ich werde so oder so dem Weg meiner Akten nachgehen. Wenn Euch ähnliches widerfahren ist oder Ihr Leute kennt, denen es so ging, meldet Euch! Dann machen wir das zusammen.

 

 

Wir bekommen einen richtigen Kaminofen! -- Irgendwann ...

Wir haben das Haus saniert. Endlich ist der Innenausbau weitgehend fertig.


Und wenn man schon im ganzen Haus eine Baustelle hat, will man ja auch alle Wünsche mit einem Aufwasch erledigen. Ich wollte schon immer einen Kaminofen. Also frage ich so in der Umgebung und es fiel immer wieder ein und derselbe Name. Ich ruf da an. Und gehe dahin. Und rufe weiter an. Nach etwa zehn Tagen und wenigstens dreißig versuchten Kontaktaufnahmen erreiche ich den Meister. Der sagt, er sei die Woche im Urlaub und nichts gehe, aber er würde sich melden. Blöd nur, wenn auf der Facebookseite praktisch täglich neue Bilder von Baustellen und fertig gestellten Öfen gepostet werden.


Nach der ersten Kontaktaufnahme dauerte es noch acht Telefonate und fast zwei Wochen, bis der Meister bei mir erschien. Das Angebot kam auch schon nach zwei weiteren Wochen und mehrfacher Nachfrage. Allerdings konnte man mir nicht sagen, wann der Ofen aufgebaut würde.
Ein anderes Unternehmen war wesentlich schneller. Ich hatte es kontaktiert, nachdem ich bereits eine Woche auf das Angebot des ersten gewartet hatte.


Nicht nur, dass die neue Firma ihr Angebot nach zwei Tagen unterbreitet hatte und für genau dasselbe Modell und dieselbe Arbeit etwa 300 Euro weniger verlangte, ich bekam einen garantierten Aufbautermin! Also nahm ich das günstigere Angebot und zahlte zwei Drittel an.
Am garantierten Aufbautag – ich hatte mir extra frei genommen – erwartete ich nun die Ofenbauer. Und wartete. Gegen Mittag rief ich in der Firma an und fragte mal vorsichtig nach, wann denn mein Ofen käme. Der Chef druckste etwas rum und kündigte einen Rückruf des Monteurs an, der auch bald erfolgte.

„Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht für Sie. Die gute Nachricht ist, ihr Ofen wird schon morgen geliefert. Die Schlechte, die Glasplatte ist an der falschen Seite angeschrägt, die muss noch einmal gefertigt werden. Dauert vier bis sechs Wochen“. Ok, man wollte mich informieren, wenn die neue Platte da ist. Als ich bis Anfang Oktober nichts hörte, fragte ich selber noch einmal nach. Neuer „garantierter“ Aufbautermin sei der 30.10.2017. Der Chef verwirrte mich mit der Aussage, bei mir habe schließlich keine Baufreiheit geherrscht. Ich widersprach sofort, dass müsse ein Irrtum sein, ich sei der, bei dem die Glasplatte verpfuscht war.


In der Woche vor dem Termin fragte ich sicherheitshalber noch einmal nach. Wieder fragte mich der Chef, ob nun Baufreiheit herrsche. Ich, nun langsam ungehalten, antwortete, die Baufreiheit sei seit August gegeben, nur die Baufähigkeit seiner Firma lasse zu wünschen übrig.
Aber am 30.10.2017 tauchte der Monteur tatsächlich auf. Mit Ofen und Glasplatte. Erste Frage war, ob ich auf der doppelten Gummilippe bestünde. Das wäre doch ganz unschön und ich müsse nur den Staubsauger an den Rand halten, das ginge schon. Nun habe ich aber vier Katzen und zwei mit langen Haaren, ich hatte mir bei der Gummilippe was gedacht und sie war auch Teil des Angebotes. Mit säuerlichem Gesicht nickte der Mann. Ich ließ ihn lieber allein. Wenige Sekunden später hörte ich lautes Fluchen „Verdammte Sch…“ und so.


Ich schaute in das Zimmer. Alles klar. Platte passte nicht. Auf einer Seite fehlten gut zehn Zentimeter, der Winkel stimmte nicht – altes Haus hat halt nicht nur rechte Winkel. Er fragte allen Ernstes, ob es nicht reiche, wenn man da, wo was fehlt, einfach was ran stückelt. Und der Winkel… na ist halt so. Mein Blick brachte ihn dazu, zu betteln, er müsse ja sonst die neue Platte bezahlen. „Sie haben auch gemessen, ist doch nur fair.“ Damit wandte ich mich ab. Er hielt mich auf und bat: „Tun Sie mir doch einen persönlichen Gefallen, bezahlen Sie alles und halten die 200 Euro für die Platte zurück.“ „Nein“ antwortete ich „ich bezahle nichts, bis alles fertig ist. Was nützen mir die 200 Euro, wenn Sie mich mit der schiefen, zu kleinen Platte sitzen lassen.“


Also ging er mit dem Versprechen, in drei Wochen mit einer neuen Platte wieder zu kommen. Nach knapp vier Wochen rief ich ihn an. Erfolglos, er ging nicht ran. Also rief ich den Chef an, der versprach, der Monteur würde sich melden. Zwei Minuten später rief der tatsächlich an, er habe mich nicht gehört. Gut, dass er den Chef sofort gehört habe, antwortete ich. Nun wurde mir eröffnet, dass die Glasplatte am kommenden Dienstag oder Mittwoch (28./29.11.2017) fertig sei. Ich erwiderte, der einzige mir passende Termin vor der Weihnachtswoche sei der 1.12.2017. Er versprach, sich zu melden, wenn die Platte da sei und dann würde er auch wissen, ob es am Freitag klappt.

Es wurde Donnerstag (30.11.) und niemand meldete sich. Ich rief den Monteur an, er ging nicht ans Telefon. Ich rief den Chef an, der wollte sich kümmern. 30 Sekunden (!) später klingelte das Telefon, der Monteur kündigte an, am Freitag, den 1.12.2017 zwischen 12:30 und 13 Uhr zu erscheinen und die Montage abzuschließen.

Am Freitag um 13:30 Uhr war natürlich niemand da. Ich rief den Monteur an und tatsächlich ging er ans Telefon. Er sei schon in Nohra. Was schon heiße, fragte ich zurück. Die Platte passe nicht in sein Auto. Ich war kurz sprachlos, denn die Außenmaße waren ja gleich geblieben. Ich fragte aber erst beim Eintreffen nach. Er druckste nur rum – eine weitere Lüge.

Die Endmontage verlief problemlos. Am Ende fragte ich, ob der Monteur sich Gedanken gemacht habe, wie er die Verzögerung von drei Monaten zum garantierten Aufbautermin ausgleichen wolle. „Nö“
„Soll ich mir was überlegen?“
„Nö“
„Wollen Sie es ausgleichen?“
„Nö“
Ich wies ihn darauf hin, dass es sogar Gesetze für sowas gibt. Das würden nur Leute sagen, die krampfhaft was suchen, um zu meckern. Suchen? Ein Blick auf den Kalender reiche, sagte ich ihm.
Dann kam er mit einer tollen Geschichte: Eine Woche nach dem ersten garantierten Aufbautermin sei er ohne mein Wissen noch einmal im Haus gewesen, habe sich über die Handwerker Zugang zum erneuten Ausmessen verschafft und da wären noch überall Leute gewesen. Keine Baufreiheit also und er hätte den Ofen da sowieso nicht aufgebaut.

Das musste ich erst einmal verdauen. Ich wollte gar nicht glauben, dass er einfach ohne mein Wissen hereinspaziert. Dann stellte sich natürlich die Frage, warum nach mehrfachen Messungen die Platte nicht passte. „Oh, das hätte ich jetzt nicht sagen sollen…aber hier waren die Leute nicht fertig!“


„Und wenn die gestern noch hier gewesen wären…Heute ist der erste Tag, an dem Sie liefern können. Alles andere ist doch unerheblich! Und das erklärt nicht, warum Sie nicht ein einziges Mal zum Telefon gegriffen haben, um mich zu informieren!“ „Die Arbeit ist so schwer und ich bin immer so müde…“

Ich weiß, dass es so viele gute engagierte Handwerker gibt. Warum gerate ich so oft an die anderen?

Doktors Erzählungen aus Tausend und einer Nacht

Folge 17: Lebensgefährliche Mückenstiche

Es ist etwa acht Wochen her, dass ich, auf dem Weg zu einem Patienten in Schwerstedt, gegen 21:30 Uhr von der Notaufnahme im Klinikum angerufen worden bin. Eine junge alleinstehende Mutter hatte sich wegen zwei oder drei Mückenstichen an der Wade dort vorgestellt und verlangte, sofort einen Arzt zu sprechen. Zur Begründung führte sie an, neben den Stichen, ihren Säugling, den sie zur Bekräftigung ihrer Argumentation immer wieder hoch hob.

Ich nahm den Einsatz an, erledigte zuvor noch den begonnenen Hausbesuch und begab mich in die Klinik. Ich war etwa eine halbe Stunde nach dem Anruf in der Notaufnahme. In dieser Zeit hatten die Eltern der jungen Frau insgesamt fünf Mal in der Notaufnahme angerufen, um mit Drohungen und Beschimpfungen zu erreichen, dass ihre „schwer kranke“ Tochter, schon wegen des Säuglings, ohne weitere Wartezeit ordentlich behandelt würde. Mit dem Wissen um das Engagement der Eltern ging ich mit einer Krankenschwester ins Sprechzimmer – worauf ich sonst verzichte. Ich hatte das Gefühl, dass es vielleicht helfen könnte, wenn ich nicht ohne Zeuge bin.

Die junge Frau mit Kind präsentierte drei eigentlich reizlose Mückenstiche. Sie hatte sich zwar durch intensives Kratzen punktförmige Verletzungen der allerobersten Hautschichten zugezogen. Davon abgesehen aber sahen die Mückenstiche nicht anders aus, als es Mückenstiche eben so tun. Ich beriet meine Patientin ruhig und freundlich, sprach über Fenistil und über Kühlung und über die Probleme, die durch Kratzen entstehen können. Ich erläuterte auch die Ursache der Rötung und erlaubte mir ganz am Ende der Behandlung den Hinweis, dass man wegen Mückenstichen beim nächsten Mal bitte nicht die knappen Ressourcen der Notaufnahme in Anspruch nehmen möge.

Daraufhin fährt mich die junge Frau an: Ich kann es mit als allein erziehende Mutter einfach nicht erlauben, mein Leben zu riskieren! Ach so, sage ich, haben Sie mir vielleicht verschwiegen, dass Sie sich die Stiche in einer tropischen Gegend zugezogen haben? Sie verneint. Ich erkläre ihr, dass man in Thüringen Mückenstiche zu überleben pflegt. Sie: Was wollen Sie mir denn erzählen, meine Oma ist schließlich Chefärztin gewesen! Und die hat Sie jetzt geschickt?, frage ich nun ehrlich beeindruckt. Die Antwort: Nein, sie ist schon tot. Ich drücke mein Bedauern aus und darf die Behandlung, im guten Gefühl, wieder ein Leben gerettet zu haben, beenden.

Wenige Stunden später in dieser wie so oft endlosen Nachtschicht, gegen 1:30 Uhr, kam dann noch ein junger Mann mit einem Mückenstich am Arm in die Notaufnahme. Ich beriet ihn, wie schon die junge Frau zuvor. Er war ganz freundlich und ich fragte ihn: Sehen Sie da die automatische Tür? Da werden Herzinfarkte, Schlaganfälle und schwere Unfälle hineingerollt. Meinen Sie, dass Sie hier richtig sind? Er sah das auch ein, fragte aber, wohin man sich denn mit sowas – also einem Mückenstich – um diese Zeit hinwenden könne. Die Antwort ist schrecklich unspektakulär.

Kein Stich, den wir uns hierzulande zuziehen, muss in der Nacht oder am Wochenende einem Arzt gezeigt werden. Man bleibt einfach daheim, kühlt den Stich, lagert möglichst Bein oder Arm hoch und nimmt ein Buch in die unversehrte Hand oder die Fernbedienung. Gegen den fürchterlichen Juckreiz schaffen tatsächlich Mutters bewährte Tricks wie Saft von einer Zwiebel oder einer Aloe Vera-Pflanze Linderung oder eben das oben erwähnte, rezeptfreie Fenistil. Wenn einem die Beule wirklich anders vorkommt als sonst, dann geht man am Morgen zum altvertrauten Hausarzt. In einer thüringischen Notaufnahme hat ein Mückenstich jedenfalls nichts zu gewinnen und im Hausbesuchsdienst ebenso wenig. Außer man hat die Nacht zuvor im südamerikanischen Dschungel geduscht.